Lisa

Mit 17 Jahren das Klassenbaby

Ich vermisse meine estnische Schule

Wie Lisa in der Tartu Kunstikool zum Klassenbaby wurde.
YFU Austria:

Welche Erinnerung kommt dir als erstes in den Kopf, wenn du an deinen ersten Schultag in Estland zurückdenkst?

Lisa:

Vor meinem ersten Schultag war ich sehr seeeehr aufgeregt und nervös. Schon einen Tag vorher hatte ich ein Gespräch mit der Direktorin, die mir das Schulsystem erklärte und mich in eine Klasse einteilte. Der erste Schultag bestand aus einer Eröffnungsrede der Direktorin und dem Vorstellen der neuen Lehrer im Veranstaltungssaal der Schule. Alle waren festlich gekleidet. Nach einigen Ansprachen, bei denen ich natürlich kein einziges Wort verstand, wurden Namen aufgerufen. Damals dachte ich, dass die Schüler aufgerufen werden, die die Abschlussprüfung bestanden haben. Als ganz zum Schluss jedoch mein Name genannt wurde und mich die Direktorin dazu drängte nach vorne zu kommen, wusste ich überhaupt nicht, was um mich herum geschieht. Meine Hände haben gezittert und ich war sehr aufgeregt. Nachdem ich mich dann kurz vorgestellt habe, gingen wir gemeinsam mit unserer Klassenlehrerin in die Klasse und besprachen Einzelheiten des kommenden Jahres.

  • Mit Gastmama und Gastpapa bei einem Ausflug.
    Mit Gastmama und Gastpapa bei einem Ausflug.
  • Snowboarden in Estland. Geht das überhaupt?
    Snowboarden in Estland. Geht das überhaupt?
  • Mit anderen YFU-Austauschschülern bei einem Ausflug ans Meer.
    Mit anderen YFU-Austauschschülern bei einem Ausflug ans Meer.
YFU Austria:

Kannst du uns von deinem schönsten Erlebnis in der Schule erzählen, etwas, das du für immer mit deinem Austauschjahr verbindest?

Lisa:

Ich glaube mein Geburtstag war der schönste Tag während meines Austauschjahres. Während der Schulstunde sind plötzlich alle aus der Klasse verschwunden. Ich war die einzige, die verwirrt auf ihrem Platz sitzen blieb. Ich hatte keine Ahnung was los war und war total verwirrt, weil mir niemand etwas sagen wollte. Nach wenigen Minuten wurde die Tür geöffnet und alle meine Mitschüler haben sich singend, mit Kuchen und Luftballons vor mich gestellt, mir zum 18.Geburtstag gratuliert und mich umarmt. Ich hab mich wirklich wahnsinnig über diese Überraschung gefreut, da ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte.

YFU Austria:

Berichte uns doch von dem Moment bzw. dem Erlebnis an dem du gemerkt hast, dass du nun zur Schulgemeinschaft dazugehörst und in den Schulalltag integriert warst.

Lisa:

Als sich meine Estnisch-Kenntnisse verbessert haben, habe ich auch gemerkt, dass ich als Teil der Klasse angesehen wurde. Ich habe die Späße und Geschichten meiner Schulfreunde verstanden, konnte darüber lachen und endlich auch mitreden. Ich war unabhängiger, selbstständiger als zu Beginn meines Austauschjahres, als ich zumeist keine Ahnung hatte, was eigentlich um mich herum geschieht.

YFU Austria:

Welche Schultypen gibt es in Estland? An welchem Schultyp warst du? Was ist das Besondere daran und mit welchem Schultyp in Österreich ist er am ehesten vergleichbar?

Lisa:

In Estland gehen die meisten Schüler aufs Gymnasium. Am Ende des 12.Schuljahres haben sie Abschlussprüfungen, genauso wie in Österreich. Da ich auch in Österreich eine Schule für Kunst und Design besuche, war es für mich sehr wichtig, dass ich über das Spezialprogramm von YFU eine ähnliche Schule besuchen durfte. Glücklicherweise ging mein Wunsch in Erfüllung und ich durfte in Estland die "Tartu Kunstikool" besuchen. Es ist eine berufsbildende Schule mit den Schwerpunkten Graphikdesign und Zeichnen. Die Ausbildung an dieser Schule dauert 4 Jahre und wird mit einer Matura ähnlichen Prüfungen abgeschlossen.

YFU Austria:

Welche Gegenstände wurden an deiner Schule unterrichtet? Kannst du uns von Fächern berichten, die es an deiner österreichischen Schule nicht gibt?

Lisa:

Ich hatte Zeichnen, Fotografie, Skulptur, Typografie, Comic zeichnen, Webdesign, digitales Zeichnen, Illustration, Geschichte, Kunstgeschichte, Estnisch und Deutsch. Da ich Austauschschülerin war, konnte ich mir die Fächer selbst aussuchen. Ich hab versucht sie an meinen Stundenplan in Österreich möglichst anzupassen, damit ich in den Ferien nicht so viel nachlernen muss.

YFU Austria:

Wie schwer oder leicht ist dir die Schule und der Unterricht in Estland gefallen?

Lisa:

Anfangs war es klarerweise ziemlich schwer und anstrengend, da ich die Sprache nicht verstand. Ich musste mich erst an die neue Schule gewöhnen. Anfangs befürchtete ich, dass mein Zeichentalent nicht ausreichen würde, aber es hat sich herausgestellt, dass es überhaupt kein Problem war. Ich hab mir im Vornherein viel zu viele unnötige Sorgen gemacht. Natürlich war es zu Beginn schwer, dem theoretischen Unterricht zu folgen, wie z.B. Geschichte. Weil es so anstrengend war, war ich immer schnell müde und musste aufpassen, dass ich nicht einschlafe und dauernd vor mich hin gähne. Aber das hat sich im Laufe des Austauschjahres schnell gegeben. Die praktischen Fächer (Zeichnen usw.) haben mir besonders viel Spaß gemacht. Auch wenn es manchmal anstrengend war, hat es sich auf jeden Fall gelohnt – vielleicht sogar, weil es so herausfordernd war. An der Schule habe ich sehr viel gelernt und konnte mein Zeichentalent verbessern.

YFU Austria:

Wie wirkten die Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern in deiner Gastschule auf dich? Wie hast du das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern in Gegensatz zu deiner Schule in Österreich erlebt?

Lisa:

Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer war sehr freundschaftlich und persönlich, genauso wie in meiner österreichischen Schule. Die Lehrer wurden geduzt und mit Vornamen angesprochen. Was mir am Besten gefiel war das familiäre und persönliche Verhältnis an der ganzen Schule. Mit rund 110 Schülern ist meine Gastschule eine ziemlich kleine Schule. Jeder kennt jeden. Brauchte ich Hilfe, habe ich immer jemanden gefunden, der mir weiterhelfen konnte.

An Wochenenden wurden oft Schulpartys veranstaltet, bei denen auch die Lehrer teilnahmen. Generell haben sich die Lehrer auch sehr für ihre Schüler eingesetzt und engagiert. Es ist gut möglich, dass die Erfahrungen an meiner Schule auch eine Ausnahme sind, da sich auch in Österreich die Kunstschulen immer von anderen Schulen unterscheiden.

YFU Austria:

Erzähle uns doch ein wenig von deiner Schulklasse!

Lisa:

Auch hier ist es wichtig zu wissen, dass ich eine spezielle Kunstschule besucht habe. Meine Klasse besteht aus ca. 25 Schülern, die während der meisten Schulstunden auf zwei Gruppen aufgeteilt sind. Die eine Gruppe spezialisiert sich auf Graphikdesign, die andere auf Illustration. Nur in den theoretischen Fächern, wie z.B. Geschichte und Estnisch hat die ganze Klasse gemeinsam Unterricht.
Da meine Schule eine der wenigen guten Kunstschulen in Estland ist, kommen die meisten Schüler von weit her und nicht aus der direkten Umgebung. Während der Schulzeit leben die meisten in einer Wohnung nahe der Schule. Die Ferien oder Wochenenden verbringen die Meisten dann zu Hause bei ihren Familien, die oft bis zu 3 Stunden entfernt wohnen. In meiner Klasse war ich mit meinen 17/18 Jahren die jüngste. Der Großteil meiner Mitschüler war 19 oder 20 Jahre alt, einige sogar über 20. Deshalb nannten sie mich immer "Das Klassenbaby" =). Die meisten waren anfangs etwas schüchtern und distanziert, aber das hat sich spätestens nach der ersten Party gelegt. Alle waren wahnsinnig hilfsbereit. Sie halfen mir beim Erlernen der Sprache, erklärten mir den Schulalltag und luden mich auf Partys ein.

YFU Austria:

Konntest du Freunde an deiner Schule finden? Was kannst du uns von Ihnen erzählen? Wie verbringen Freunde in deinem Gastland ihre Freizeit? Haben sie überhaupt Zeit für sich?

Lisa:

Ja, sie hatten Zeit :) Ich war in meine ganze Klasse gut integriert und hab mich mit allen super verstanden. In unserer Freizeit gingen wir oft ins Kino, einkaufen,... und an Wochenenden meist auf Partys.

YFU Austria:

Es gibt zum Beispiel Länder, in denen man die Schule nicht mit normalen Straßenschuhen betreten darf. Kannst du uns von einer einzigartigen Regel erzählen, die es an deiner Gastschule gab?

Lisa:

An meiner Schule gibt es keine besonderen Regeln. Alle tragen die Straßenschuhe, es gibt keine Kleidungsvorschriften, man durfte sogar die Haustiere mitnehmen. Wir haben auch eine Schulkatze namens Igor, der vor wenigen Jahren zugelaufen war. Seitdem wohnt er neben der Toilette und wird von allen Schülern liebevoll versorgt.

YFU Austria:

Welche Erfahrung oder Erfahrungen hast du speziell aus deinem Schulalltag für dein Leben mitgenommen?

Lisa:

Ich war sehr zufrieden mit meiner Schule, den Lehrern, dem Unterrichtsinhalt und meinen Mitschülern. Ich konnte total vieles Lernen, meine Kreativität ausleben und mein zeichnerisches Können verbessern. Obwohl ich auch gerne meine österreichische Schule besuche, vermisse ich meine estnische Schule sehr.

YFU Austria:

Wenn dich eine angehende Austauschschülerin oder ein Austauschschüler fragen würde, was wäre dein wichtigster Ratschlag für das Leben als Schüler an deiner Schule in Estland?

Lisa:

Nicht schüchtern sein! Anfangs ist es wichtig, selbst auf die anderen zuzugehen. Außerdem sollte man alles ausprobieren.