"Beste große Schwester"
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Anna

"Beste große Schwester"

Zusammenwachsen in Norwegen

Anna wurde innerhalb kürzester Zeit zur "Besten großen Schwester" - und das, obwohl sie Einzelkind ist. Austausch macht es möglich!
YFU Austria:

Anna, du hast mit YFU ein Austauschjahr in Norwegen verbracht. Welche Erinnerung kommt dir als erste in den Sinn, wenn du an deine Gastfamilie denkst?

Anna:

Ich denke an meine fürsorgenden Gasteltern und meinen lieben kleinen Gastbruder, der mir richtig ans Herz gewachsen ist. Außerdem erinnere ich mich an unsere gemeinsamen Filmabende mit selbstgemachter Pizza und die vielen Ausflüge zur „Hytta“, zum Wochenendhäuschen meiner Familie.

Meine Freundinnen und ich bei einem Schulskitag.
YFU Austria:

Verrate uns mehr über deine Gastfamilie! Wie können wir uns deine Familie vorstellen?

Anna:

Ich wohnte mit meiner Gastfamilie, bestehend aus Gasteltern, einem kleinen Bruder (10) und einem Chihuahua-Mischling in einem Haus, eher am Rande der kleinen, rund zehntausend Einwohner zählenden Stadt Mosjøen in der Mitte Norwegens. Mein Gastvater ist EDV-Techniker bei der Gemeinde und meine Gastmutter Sozialarbeiterin. Außerdem hatte ich fünf bereits erwachsene Halbgeschwister, mit denen ich allerdings nicht allzuviel Kontakt hatte, da die meisten von ihnen weiter weg wohnten. Ich hatte außerdem noch eine Gastoma, Gasttante, -cousine und –onkel im selben Ort.

YFU Austria:

Wie sah dein Alltag mit deiner Gastfamilie aus? Was habt ihr gemeinsam unternommen?

Anna:

In der Früh frühstückte ich gemeinsam mit meinem Gastbruder, danach gingen wir in die Schule. Zu Mittag aß die Familie nicht immer zusammen, das hing davon ab, wer wann nach Hause kam. Am Nachmittag war Zeit für die Familie, Hausübung und Freizeitaktivitäten. Meine Gastfamilie war grundsätzlich lieber zu Hause, daher beliefen sich unsere gemeinsamen Aktivitäten hauptsächlich auf das gemütliche Beisammensitzen am Abend und gemeinsames Fernsehen. Wir unternahmen jedoch auch gelegentlich Ausflüge, wie zum Beispiel eine Tour hinaus in den Fjord oder Shopping in der nächsten größeren Stadt. Gelegentlich fuhren wir auf Verwandtenbesuch zu meiner Gastoma oder gingen ins Café. Immer wieder ein Highligt waren unsere Wochenendurlaube in der „Hytta“, unserem Wochenendhaus in einer wunderschönen, ziemlich abgelegenen Gegend. Dort wanderten wir, gingen im Winter langlaufen und sahen uns am Abend gemeinsam Filme an. Gegen Ende des Austauschjahres verbrachten wir außerdem einen Campingurlaub am Meer.

YFU Austria:

Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an deine Gasteltern denkst? Welche Unterschiede hast du im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in Norwegen kennengelernt, wenn du es mit Österreich vergleichst?

Anna:

Wenn ich an meine Gasteltern denke, denke ich als erstes an unsere schönen gemeinsamen Erlebnisse und ihre liebevolle Unterstützung, mit der sie mir am Anfang halfen, mich zurechtzufinden. Ich denke an meine so hilfsbereite, handarbeitende Gastmama, die immerzu meinte: „Wir nehmen es so, wie es kommt“ – ich bin noch immer dabei, daran zu arbeiten, dies umzusetzen. Und ich denke an die Unternehmungen - Wanderungen, Skitouren und sonstige Ausflüge - mit meinem Gastpapa und unsere Gespräche während den Autofahrten, die uns von norwegischer Geschichte bis zur Musik führten.
In Norwegen, zumindest in meiner Gastfamilie, bestand kein allzu großer Unterschied zu Österreich im Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Ich kann das vor allem schlecht vergleichen, da wir in Österreich, denke ich, eine eher untypische Familie sind, und es überhaupt sowohl in Österreich als auch in Norwegen von den einzelnen Familien abhängt. Grundsätzlich aber würde ich sagen, dass den Kindern in Norwegen vielleicht noch etwas mehr Freiraum gegeben wird und etwas weniger Körperkontakt (im Sinn von Umarmungen, etc.) stattfindet als in Österreich.

YFU Austria:

Wie hast du das Zusammenleben mit deinem Gastbruder und deinen Halb-Geschwistern erlebt?

Anna:

Ich war so glücklich, in Norwegen einen Bruder zu haben, da ich in Österreich Einzelkind einer alleinerziehenden Mutter bin. So durfte ich Geschwisterliebe mit allen Vorzügen und (wenigeren) Nachteilen kennenlernen. Ich hatte einen Bruder, mit dem ich lachen und über Bücher diskutieren konnte (Ja, er war 10, las aber schon Bücher für viel Ältere). Obwohl er um einiges jünger war als ich, freute ich mich wahnsinnig darüber, nicht alleine zu sein, und erleben zu dürfen, wie es ist, Geschwister zu haben.

YFU Austria:

Ist es dir schwer gefallen, dich in die Familie zu integrieren? Was hast du getan, um das Vertrauen und die Zuneigung deiner Familie zu gewinnen?

Anna:

Anfangs war es schon etwas schwierig, mich in der Familie zu integrieren. Meine Gasteltern waren zwar von Anfang an offen und erzählten mir viel von ihnen, ich war aber nicht wirklich ein Teil der Familie. Vor allem mein kleiner Gastbruder war ziemlich schüchtern und ließ mich nicht so ganz an sich heran. Aber mit der Zeit verstanden wir uns immer besser und ich begann wie ein Familienmitglied behandelt zu werden. Wir entdeckten gemeinsame Interessen wie Bücher und auch Handarbeiten – das mir von meiner Gastmutter mit Enthusiasmus beigebracht wurde. Ich bemühte mich, mich ihrem Alltag anzupassen, auch im Haushalt meinen Teil zu erledigen, und war mit dabei bei Familienaktivitäten. Außerdem ging ich hin und wieder meine Gastoma, mit der ich mich bestens verstand, besuchen, was auch meiner Familienintegration half.

YFU Austria:

Wie hast du anfangs mit deiner Familie kommuniziert? Gab es Missverständnisse oder Verständigungsschwierigkeiten?

Anna:

Am Flughafen begrüßten mich meine Gasteltern gleich auf Norwegisch, da sie wahrscheinlich dachten, dass ich nach drei Wochen im Land (die ich bei einer Ankunftsfamilie verbracht hatte) bereits etwas Norwegisch konnte. Grundsätzlich verstand ich schon ein paar Wörter und Sätze und konnte auch selbst ein paar Wörter sagen, war aber ziemlich perplex als ich nach Mosjøen kam. Meine Ankunftsfamilie hatte ganz im Süden gewohnt, und plötzlich kam ich in den Norden, wo sie einen ganz anderen und ziemlich starken Dialekt sprachen. Ich verstand erst mal kein Wort. So sprachen wir die ersten Wochen Englisch. Speziell durch den Dialekt gab es anfangs Verständigungsschwierigkeiten, da ich häufig dreimal nachfragen musste, bis ich etwas verstand. Aber schon nach kurzer Zeit wurde mir die Sprache und der Dialekt immer geläufiger und nach etwa zwei Monaten, versuchte ich es auf Norwegisch – wobei zwischendurch immer wieder englische Ausdrücke herhalten mussten. Gröbere Missverständnisse gab es dabei nie, nur ein paar Lacher auf Kosten meiner Aussprache oder Wortverwechslungen.

YFU Austria:

Was ist die schönste Erinnerung, die du mit deiner Gastfamilie hast?

Anna:

Es gibt so viele schöne Erinnerungen, wenn ich an die Zeit mit meiner Gastfamilie denke. Ein spezieller Moment war zum Beispiel, als mir meine Gastmutter ganz unerwartet am österreichischen Nationalfeiertag (ich hatte zufällig am Vortag erwähnt, dass dieser am nächsten Tag sein würde) einen Kuchen überreichte und mir „Alles Gute zum Geburtstag“ wünschte, wie es am norwegischen Nationaltag üblich ist. Eine andere besondere Erinnerung habe ich daran, als mich mein kleiner Gastbruder indirekt „beste große Schwester“ nannte, als seine andere große Schwester im Scherz diesen begehrten Titel für sich beanspruchen wollte. Außerdem habe ich fantastische Erinnerungen an den Nationalfeiertag in Norwegen und unsere Wochenendausflüge zur Hytta.

YFU Austria:

Jedes Land und jede Familie haben ihre eigenen Traditionen. An welche Tradition oder an welches Fest kannst du dich ganz besonders erinnern und warum?

Anna:

Besonders waren für mich vor allem Weihnachten und der 17. Mai, Norwegens Nationalfeiertag. Weihnachten, weil dieser Tag in Norwegen fast noch wichtiger ist als in Österreich und ich dieses Fest liebe. Es war außerdem eine schöne Gelegenheit, meiner Gastfamilie noch näher zu kommen. Es gab zwar leider keinen echten Christbaum (stattdessen ein sehr real wirkendes Plastikexemplar), dafür aber weihnachtete es schon sehr in der Adventszeit. Meine dekorationsbegeisterte Gastmutter verschönerte das ganze Haus mit Kerzen und „Nissen“, kleinen, dicklichen Weihnachtsmannfiguren. Außerdem hatten meine Gasteltern einen Adventskalender mit kleinen Geschenken für mich und meinen Bruder vorbereitet. Der Vorweihnachtsabend wurde traditionell mit der Familie und der Mandel im Grøt (ähnlich wie Milchreis; wer die Mandel darin findet, bekommt eine Prämie) gefeiert. Ich fand auch Gefallen an dem Brauch, dass am Heiligabend der Jüngste, also in diesem Fall mein kleiner Bruder, alle Geschenke austeilte. Es war ein ganz besonderes Weihnachten für mich.
Der 17. Mai war auch ein ganz spezielles Datum, er ist in Norwegen der wichtigste Tag des Jahres. Dafür warfen wir uns alle in Schale, auch ich bekam eine echte norwegische Tracht ausgeborgt, und sahen fähnchenschwenkend dem Kinderzug zu, der von Musikkapellen begleitet durch die Straßen zog. Danach gab es große Portionen an Eis, wir gingen ins Kino und ins Stadtmuseum. Alles war mit Fahnen geschmückt, die Straßen waren voll mit gut gelaunten Familien, die sich über den Tag freuten. Am Nachmittag war dann der Bürgerzug. Auch ich durfte als Teil der Pfadfindergruppe, eine riesige norwegische Fahne tragend, direkt hinter der Polizei mitmarschieren. Abends wurde dann mit der Familie gegrillt. Ich war begeistert von diesem traditionsreichen Tag, da ich so etwas von Österreich einfach nicht kannte. Es war einer meiner schönsten Tage in Norwegen, auch weil es ein Tag war, an dem wir gemeinsam als Familie etwas besonderes unternahmen.

YFU Austria:

Welche Gefühle hattest du deine Gastfamilie zu verlassen und nach Österreich zurückzukehren?

Anna:

Ich sah meiner Rückkehr mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich freute mich, meine Familie bald wieder zu sehen und war traurig, meine neugewonnene Heimat und Familie zurückzulassen. Ich konnte es auch nicht wirklich realisieren, dass es ein mehr oder weniger endgültiger Abschied sein würde. Ich kann sie zwar wieder besuchen, was ich auch sehr bald tun werde, es wird aber nie wieder so sein wie in diesem einen Jahr, in dem ich Teil meiner zweiten Familie geworden bin.

YFU Austria:

Viele Austauschschüler*innen sagen, dass sie die Erlebnisse bei der Rückkehr in ihr Heimatland wie einen zweiten Austausch erlebt haben. Sie sagen, dass sie sich an viele Dinge wieder neu gewöhnen mussten und neu hinzu- sowie liebgewonnene Verhaltensweisen wieder ablegen mussten. Wie war das bei dir?

Anna:

Mir ging es ähnlich. Es gab zwar nicht diese riesig großen Kulturunterschiede, aber eben die vielen kleinen Dinge. Nach meiner Rückkehr wollte ich zum Beispiel immer alle duzen, wie es in Norwegen üblich ist. So begrüße ich immer noch einige fremde Menschen unbewusst mit "Hallo".
Nach meinem Austauschjahr fielen mir auch Dinge auf, die ich vorher gar nicht so bewusst wahrgenommen habe oder nicht zu schätzen wusste – wie kurze Entfernungen und gute Zugverbindungen zum Beispiel. Überhaupt musste ich mich auch hier im Heimatland wieder neu einleben. So musste ich leider feststellen, dass ich mich mit manchen meiner Freundinnen ein bisschen auseinandergelebt habe. Doch dadurch entstehen aber auch Chancen zu neuen Begegnungen bzw. zur Wiederbelebung von alten Freundschaften.

YFU Austria:

Du hast jetzt dein Austauschjahr mit seinen Herausforderungen, Erfahrungen und persönlichen Veränderungen hinter dir. Welche Ratschläge kannst du zukünftigen Austauschschüler*innen mit auf den Weg geben, damit sie schnell in den Alltag und das Familienleben ihrer neuen Familie hineinfinden und sich deren Vertrauen und Zuneigung erwerben?

Anna:

Für mich war Kommunikation sehr wichtig. Um zu vermeiden, dass Dinge falsch interpretiert oder verschwiegen werden, ist es essentiell, darüber zu sprechen und Missverständnisse sofort auszuräumen. Auch über Probleme ist es wichtig zu reden, um erst einmal mit der Familie gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Mit Ehrlichkeit gewinnt man Vertrauen. Man muss aber auch aufpassen, mit dieser Ehrlichkeit niemanden zu verletzen und kulturspezifische Grenzen nicht zu überschreiten. Dazu ist es am besten, seine Mitmenschen zu beobachten und zu sehen, wie sie sich verhalten, und dann vielleicht auch erkennen, warum sie es auf diese Weise tun. Das hilft dir, die Kultur besser zu verstehen. Ebenfalls ist es wichtig, zu versuchen, am Alltag der Gastfamilie teilzuhaben und zum Beispiel bei Familienaktivitäten dabei zu sein und auch im Haushalt mitzuhelfen. Diese Dinge erleichtern es, ein Teil der Familie zu werden.