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Sophia

Der Esstisch war der wichtigste Ort im Haus!

Kapputtlachen und reihum Galettes austeilen.

Sophia war auf Austausch in der Nähe von Paris! Wie ihr ihre Gastfamilie ans Herz gewachsen ist erzählt sie uns hier!
YFU Austria:

Welche Erinnerung kommt dir als erste in den Sinn, wenn du an deine Gastfamilie denkst?

Sophia:

Meine Gastfamilie hatte bretonische Wurzeln. Es gab also häufig Galettes (Buchweizencrêpes) mit Ei, Schinken und Käse als Abendessen. In die Pfanne passte
allerdings nur eine Galette auf einmal. Wenn ich an meine Gastfamilie denke, erinnere ich mich also an die gemütlichen Abende zurück, wenn wir alle um den Küchentisch saßen und reihum unsere Galette bekamen, über die vergangene Woche, anstrengende Lehrer oder dem nächsten Streik der SNCF redeten, uns über irgendwas kaputt lachten. Und dann die schwere Wahl die wir treffen mussten, wenn nur mehr zwei Galettes übrig waren und man Koalitionen formen musste, um entweder ein Stückchen Galette mit Schokolade oder Ziegenkäse mit Birnen und Honig zu bekommen.

Marie und ich nach der Mathematik-Matura auf dem Montmartre
YFU Austria:

Verrate uns mehr über deine Gastfamilie! Wie können wir uns deine Gastfamilie vorstellen?

Sophia:

Meine Gastfamilie war sehr groß im Vergleich zu meiner österreichischen Familie. Denis, mein Gastvater und Véronique, meine Gastmutter, hatten 5 Kinder: Agnès, Emmanuelle und Benoît, die bereits ausgezogen waren sowie Jean-Baptiste (genannt Ji-Be) und Gwenola, die jünger als ich waren und noch daheim wohnten. Die Familie hatte etwa 20 Au-Pairs gehabt. Jetzt waren die Kinder aber schon groß, also beschlossen sie stattdessen Austauschschülern ihr Haus und Herz zu öffnen. Außerdem gab es noch ganze fünf Schildkröten! Sie wohnten in einem Haus mit Garten in einem kleinen Ort vor Versailles.

YFU Austria:

Wie sah dein Alltag mit deiner Gastfamilie aus? Was habt ihr gemeinsam unternommen?

Sophia:

Wir frühstückten immer alle gemeinsam gegen halb sieben in der Früh. Meine Gastgeschwister waren immer spät dran und oft mussten wir zum Zug rennen. Wir sahen
uns meistens erst wieder alle beim Abendessen, da in Frankreich die Schule fast den ganzen Tag dauert. Ein wöchentlicher Fixpunkt war das Familienessen am Sonntag, wo oft auch Agnès mit ihrem Sohn dabei war, manchmal auch ein paar Freunde der Familie. Es gab gebratenes Hähnchen mit Ofenkartoffeln! Der Esstisch war der wichtigste Ort im ganzen Haus. Ein paar Mal haben wir Ausflüge gemacht, zum Beispiel nach Giverny um das Haus von Monet anzusehen, in den Winterferien machten wir eine Woche Skiurlaub am Montblanc, zu Ostern fuhren wir in das Zweithaus nach Dinard (Bretagne) und sahen uns dort allerhand an.

YFU Austria:

Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn du an deine Gasteltern denkst? Welche Unterschiede hast du im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in Frankreich kennengelernt, wenn du es mit Österreich vergleichst?

Sophia:

Ich glaube, am Anfang war es meinen Gasteltern nicht ganz geheuer, dass ich alleine nach Paris fahre. Mein Vater in Österreich dagegen war viel “liberaler” was das anbelangt, also war das für mich schon eine kleine Umstellung. Sie haben aber ziemlich schnell gemerkt, dass ich eine sehr verantwortungsvolle Person bin. Ich war immer pünktlich zuhause, hab immer sofort kommuniziert falls ich doch die S-Bahn verpasst hatte und habe meine Schulaufgaben nicht vernachlässigt.

YFU Austria:

Wie hast du das Zusammenleben mit deinen Gastgeschwistern erlebt?

Sophia:

Mein Gastbruder JB hat mich immer wieder so sehr zum Lachen gebracht, dass ich vom Tisch aufstehen musste, weil ich keine Luft mehr bekam und Tränen in den Augen hatte. Und mit Gwenola habe ich wirklich eine sehr tiefe Verbindung aufgebaut, wir haben viel gekuschelt und bis heute erzählt sie mir von ihren Liebesgeschichten. Wir haben uns oft um das letzte Stück Brot und Käse gestritten (irgendwie gab es davon immer grad und grad ein bisschen zu wenig).

YFU Austria:

War es für dich schwer, dich in der Familie zu integrieren? Was hast du getan, umdas Vertrauen und Zuneigung deiner Familie zu erhalten?

Sophia:

Mir ist es sehr leicht gefallen, mich in meine Familie zu integrieren, sie hatten ja auch schon sehr viel Erfahrung mit anderen Kulturen vor mir gesammelt. So oft wie möglich habe ich meine Hilfe angeboten, etwa beim Kochen oder Tischdecken. Mir hat es auch immer gut gefallen am Samstagvormittag mit Denis zum Einkaufen zu fahren. Französische Supermärkte sind ein sehr glücklicher Ort für mich, besonders die meterlange Käsetheke…

YFU Austria:

Wie hast du anfangs mit deiner Familie kommuniziert? Gab es Missverständnisse oder Verständigungsschwierigkeiten?

Sophia:

Wir haben sofort nur auf Französisch geredet und ich habe mein Bestes getan, um alles aus dem Kontext zu erfassen.

YFU Austria:

Was ist die schönste Erinnerung, die du an das Leben mit deiner Gastfamilie hast?

Sophia:

Eines der schönsten Ereignisse war die Hochzeit meiner älteren Gastschwester Emmanuelle. Zuerst heiratete sie standesamtlich in Lyon und anschließend gab es die
große Feier irgendwo im Nirgendwo, zu der dann die Großfamilie und Freunde eingeladen wurden. Das war erst ein Monat nach meiner Ankunft! Gleich von Anfang an so sehr eingebunden zu sein war für mich eine große Ehre.

YFU Austria:

Jedes Land und jede Familie haben ihre eigenen Traditionen. An welche Tradition oder an welches Fest kannst du dich ganz besonders erinnern und warum?

Sophia:

Etwas, was in Österreich nicht so sehr gefeiert wird, ist der 6. Jänner. In Frankreich isst man in den Tagen davor und danach die “Galette des Rois”, ein mit Mandelcreme gefüllter Blätterteigkuchen. Drinnen ist eine kleine Figur, die “Fève” versteckt und wer sie findet, ist der König des Tages. Um eine gerechte Verteilung der Kuchenstücke zu garantieren, muss sich das jüngste Familienmitglied unter den Tisch setzen und entscheiden, wer das nächste Stück bekommt. Ich habe einige Galettes zu essen bekommen und sogar ein paar Mal die “fève” gewonnen.

YFU Austria:

Welche Gefühle hattest du, deine Gastfamilie zu verlassen und zurück zu kehren nach Österreich?

Sophia:

Als ich in den Zug von Paris nach Berlin zum YES (Anm.: das Youth European Seminar ist ein optionales YFU-Seminar am Ende des Austausches, bevor man noch wieder nachhause fährt) gestiegen bin, habe ich so sehr geweint wie noch nie. Ich kann mich auch erinnern, dass ich mir gedacht habe “So traurig habe ich mich noch nie gefühlt”. Ich wäre gerne noch ein bisschen länger geblieben, auch weil ich gerade erst die Maturaprüfungen hinter mir hatte und kaum Zeit zum Genießen übrig geblieben war. Das YES war auch eine unglaubliche Gefühlsmischung, soviel geweint und gelacht in so kurzer Zeit habe ich seitdem glaub ich nicht mehr.

YFU Austria:

Du hast jetzt deinen Austausch mit seinen Herausforderungen, Erfahrungen und
persönlichen Veränderungen hinter dir. Welche Ratschläge kannst du zukünftigen
Austauschschüler*innen mit auf den Weg geben, damit sie schnell in den Alltag und in das Familienleben ihrer neuen Familie hineinfinden und sich deren Vertrauen und Zuneigung erwerben?

Sophia:

Ich würde empfehlen, viel zu beobachten und nicht zu viel Zeit mit der Familie im Heimatland zu "verbringen". Ich hab deswegen begonnen einen Blog zu schreiben, einerseits um die Geschehnisse für mich festzuhalten, andererseits um meine neugierigen Verwandten und Freunde alle gleichzeitig mit Informationen füttern zu können. Heute würde ich auch aus Familienwhatsappgruppen aussteigen - oder zumindest auf stumm stellen. Das Risiko, "d'avoir le cul entre deux chaises" - wie man auf Französisch sagt, also den Po zwischen zwei Stühlen zu haben, wird so vermindert und man kann sich voll und ganz auf seine Gastfamilie konzentrieren!"